Diese Seite beschreibt, wie die Waldtracht-Prognose in Baden-Württemberg historisch entwickelt wurde – und welche Prinzipien bis heute für eine belastbare Einschätzung gelten: Beobachtung der Honigtauerzeuger, Einordnung der Witterung und regionale Unterschiede.
Worum ging es im Forschungsvorhaben?
Am 1. September 1976 begann an der Landesanstalt Hohenheim ein Forschungsvorhaben zur Waldtracht. Ziel war es, Wege für eine kurzfristige und – soweit möglich – auch langfristige Prognose der Honigtautracht zu entwickeln. Der Schwerpunkt lag von Beginn an auf der Populationsdynamik der bienenwirtschaftlich wichtigen Honigtauerzeuger an Fichte und Tanne.
Von 1977 bis 1998 wurden kontinuierlich Populationsdaten erhoben:
- 1977–1998: 6 Versuchsflächen im Nördlichen Schwarzwald
- 1987–1998: 8 Versuchsflächen im Südlichen Schwarzwald
Zusätzlich dienten der „Mini-Schwarzwald“ (Anpflanzung von Tannen und Fichten direkt am Standort Hohenheim) sowie geeignete Einzelbäume im Botanischen Garten der Universität als ganzjährige Beobachtungsobjekte. Dort wurden zentrale Fragen zur Lebensweise der Honigtauerzeuger bearbeitet – als Voraussetzung dafür, Beobachtung überhaupt prognosefähig zu machen:
- Wann schlüpfen Stammutterlarven aus Wintereiern?
- Wie schnell entwickeln sich Generationen – und wie fruchtbar sind sie?
- Wann treten Geflügelte auf, wann beginnt der Ausbreitungsflug?
- Wo entstehen Primär- und Sekundärkolonien, wie lange halten sie sich?
- Wie wirken Standort, Exposition und Baumalter auf Besatz und Honigtauproduktion?
- Wie reagieren Populationen auf Niederschläge/Hagel sowie Hitze/Trockenheit?
- Wann wird wie viel Honigtau ausgeschieden – und wie variieren Inhaltsstoffe (Zucker, Aminosäuren, Mineralstoffe)?
Der vergleichsweise warme Standort Hohenheim erwies sich dabei als wertvoller Indikator, um die Entwicklung an kühleren Standorten im Schwarzwald zeitlich besser einzuordnen – vor allem für die Planung der Beobachtungstermine.
Vom Experiment zur Praxis: Beobachternetz
Nach 1998 wurde die kontinuierliche Messung auf den Versuchsflächen eingestellt. Seitdem steht die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse im Vordergrund. Bereits 1987 wurde ein Beobachternetz aufgebaut, um die Wald- und Tannentracht in Baden-Württemberg besser zu nutzen. Heute wirken rund hundert Imker mit, organisiert in regionalen Gruppen (u. a. Oberschwaben, Schwäbischer Wald, Schwarzwald) sowie in Kontakt mit Beobachtergruppen in Oberbayern und der Oberpfalz.
Alternanz: Zweijahresrhythmus – Hypothesen und Einordnung
Der Zweijahresrhythmus
Ein häufig beobachtetes Phänomen ist ein Zweijahresrhythmus: Auf ein gutes Waldhonigjahr folgt oft ein schwächeres, und umgekehrt. Kloft u. a. (1985) diskutieren hierfür eine Alternanz-Erklärung analog zum Obstbau („Erschöpfung und Erholung“ von Ressourcen).
Bei Fichte und Tanne als immergrüne Nadelbäume ist diese Analogie jedoch nur begrenzt überzeugend: Sie können grundsätzlich ganzjährig assimilieren, und typische Austriebs- oder Fruktifikationsmuster erklären die starke Variabilität der Lachniden-Vermehrung nicht zuverlässig. Entscheidend bleibt: Ohne ausreichenden Ausgangsbesatz und passende Bedingungen entsteht kein Massenbefall.
„Wespen fressen keine Läuse“
Eine zweite Erklärung nutzt ein klassisches Räuber-Beute-Modell: Eine Massenvermehrung der Beute führt zeitversetzt zur Massenvermehrung von Räubern, die dann die Beute dezimieren. Pfefferle (1984) führte diesen Gedanken u. a. zur Rolle von Wespen in Tannenjahren aus.
Wespen profitieren in Trachtjahren tatsächlich deutlich vom Honigtauangebot, sammeln Honigtau und finden gleichzeitig reichlich Beuteinsekten. Der zeitgleiche Eindruck „mehr Wespen – weniger Läuse“ kann jedoch in die Irre führen. Aus der Beobachtung heraus gilt: Wespen sind keine primären Lachniden-Prädatoren. Ihr Auftreten begleitet Trachtphasen oft, erklärt aber nicht verlässlich den Populationszusammenbruch.

Was die Daten zeigen: starke regionale Unterschiede
Ein dritter Zugang ergibt sich aus der Analyse umfangreicher Populations- und Waagstockdaten: Der Eindruck einer strengen Alternanz verliert an Schärfe, wenn man nicht nur Jahresmittel betrachtet, sondern Regionen, Höhenlagen und Zeitfenster. Waldhonig kann in einem Jahr in einzelnen Regionen sehr gut sein, während andere leer ausgehen – und der Beginn/Abbruch kann um Wochen variieren.
Praxisfolgerung: Die fortlaufende Beobachtung vor Ort und die schnelle Weitergabe bzw. das Einholen von Informationen ist entscheidend – nicht die Statistik im Rückblick.
Beobachtung mit System
Für die Fichtentracht sind drei Bausteine zentral:
- Primärkolonien beobachten und beurteilen (früher Hinweis auf Vermehrung),
- Ausbreitungsflug der Geflügelten erkennen (kritische Phase für Trachtbeginn),
- Stockwaage nutzen (Beginn, Intensität, Abbruch der Tracht).
Die Umsetzung ist anspruchsvoll, weil an der Fichte mehrere Honigtauerzeugerarten beteiligt sein können, mit unterschiedlichen Saugorten und Zeitfenstern. Eine Stockwaage zeigt Zunahmen – aber sie sagt nicht, welche Art die Tracht verursacht. Deshalb bleibt die Lausbeobachtung das Kernstück.
Die „Prognoseformel“ als Orientierung (nicht als Garantie)
Aus Korrelations- und Regressionsanalysen wurde eine Orientierungsformel abgeleitet, die erstmals 1987 formuliert wurde. In vereinfachter Form lautet die Faustregel:
Gute Vermehrung während des Austriebs ist wahrscheinlicher, wenn der Spätherbst des Vorjahres mild war und das Frühjahr eine Abfolge zeigt, die den Austrieb zeitweise stocken lässt (z. B. Kälteeinbrüche im Mai/Juni). Als Erklärung wurde diskutiert, dass unter solchen Bedingungen die Disposition des Wirtsbaumes für Befall erhöht sein kann (Reservemobilisierung bei stockendem Austrieb).
Wichtig: Diese Formel ist eine Orientierung. Sie ersetzt die Beobachtung nicht – denn ohne ausreichenden Ausgangsbesatz „nützen die besten Bedingungen nichts“. Außerdem können extreme Trockenphasen ebenfalls zu Stresssituationen führen, die Austrieb und Nährstoffhaushalt beeinflussen und so die Dynamik verändern.
Archiv: Fallbeispiele aus der Beobachtungspraxis
Die folgenden Abschnitte sind als zeitbezogene Beispiele dokumentiert. Sie zeigen, wie stark Timing, Höhenlage und regionale Unterschiede den Ernteerfolg bestimmen können.
Sonderfall: Spätvermehrung (Beispiel 1981)
1981 wurde an einzelnen Standorten eine unerwartete Spätvermehrung der Grünen Tannenhoniglaus beobachtet – mit langer Trachtdauer bis in den September hinein. Solche Ausnahmen treten bei der Tanne deutlich häufiger auf als bei der Fichte und müssen bei der Beobachtung berücksichtigt werden.
Rekordkonstellation (Beispiel 1995)
1995 wurde als Rekordjahr beschrieben – verbunden mit sehr mildem November im Vorjahr und einem phänologisch günstigen Verlauf im Frühjahr. Solche Jahre verdeutlichen, wie stark die Ausgangslage im Spätherbst als „Weichenstellung“ diskutiert wurde.
Früher Beginn – frühes Ende (Beispiel 2003)
2003 zeigte, dass eine sehr frühe Entwicklung (z. B. Ausbreitungsflug schon im Mai in tieferen Lagen) zu einer frühen, intensiven Tracht führen kann – und entsprechend auch zu einem frühen Ende. Wer zu spät wandert, kann dann trotz „Waldhonigjahr“ leer ausgehen.
Was war 2004? (Archivnotiz)
2004 wurde als Testfall diskutiert: milder November, aber gleichzeitig Stresssignale im Wald durch Wasserdefizite. Solche Situationen zeigen, dass Witterungssignale allein nicht genügen – der physiologische Zustand der Wirtsbäume kann entscheidend sein.
Was wird 2018? (Archivnotiz)
Die Notiz zu 2018 beschreibt eine Situation mit frühem, zügigem Austrieb und ausbleibenden Kälteeinbrüchen („Eisheilige/Schafskälte“). Sie ist als zeitbezogene Einschätzung dokumentiert und zeigt, wie eng Beobachtung, phänologische Entwicklung und Honigtauproduktion zusammenhängen.
Referenzen
- Kloft, Maurizio, Kaeser (1985): Waldtracht und Waldhonig in der Imkerei. Franz Ehrenwirth Verlag, München.
- Liebig, G. (1999): Die Waldtracht – Entstehung, Beobachtung, Prognose. Selbstverlag, Aichtal.
- Pfefferle, K. (1984): Unser Imkern mit dem Magazin. Selbstverlag, Münstertal.
1 Gedanke zu „Der Weg zur Waldtrachtprognose“
Die Kommentare sind geschlossen.